Fotografie

Im Kontext mehrerer Reisen ab 2007 habe ich eine stetig wachsende Faszination für die Praxis des Fotografierens entwickelt. Auf meinem Flickr-Profil veröffentliche ich eine Auswahl meiner Bilder. Auf dieser Unterseite stelle ich noch einige Facetten des Bildmediums heraus, die es für mich interessant machen.
Marienfelde in 2015

Erinnern

Bilder können eine Totalität von Erfahrungssituationen aufbewahren und  transportieren, an die Worte nur selten heranreichen. Deswegen eigenen sie sich so gut als Erinnerungsstütze. Als vormaliger Teil der abgebildeten Situation werden Fotograf*innen von ihren Fotos dabei nicht selten auch auf ihre eigene Verfassung, ihre Gefühle oder Gedanken gestoßen.

Das Transitlager Marienfelde im Süden Berlins hatte ich 2015 eigentlich besucht, um der Fluchtgeschichte meiner eigenen Familie und damit verbundenen Erinnerungen nachzugehen. Dabei lernte ich, dass die Einrichtung im Zuge der sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘ abermals als Auffangzentrum etabliert wurde. Das Bild nahm ich von einem Raum aus auf, in dem die ursprüngliche Einrichtung eines Familienzimmers ausgestellt war.

Heute erinnere ich mich daran, wie ich in der Situation darüber nachdenken musste, ob und wie wohl meine Großmutter dort unten einmal selbst gespielt hatte und inwiefern sich das Zimmer der abgebildeten Personen von dem Ort der Aufnahme unterscheidet.

Interpretieren

Manche Bilder sind regelrecht bedeutungsschwanger, den Karikaturen ähnlich. Sie laden dazu ein, Geschichten und Theorien, manchmal sogar vermeintliche Wahrheiten in sie hineinzulesen. Gerade bei diesen Bildern fällt es schwer, zunächst einmal einfach zu beschreiben, was man sieht oder zu sehen meint. Und gerade bei diesen Bildern lohnt es meist, ihrer Entstehungsgeschichte nachzugehen.

Vor dem Denkmal der Schlacht von Ayacucho, die dem heutigen Peru den Weg in die Unabhängigkeit bereitete, spielen zwei Kinder fangen. Die zufälligen Bewegungen der Kinder erwecken von meiner Position aus gesehen den Eindruck, als dass sie mit Schwert und Eimer spielten. Eine leichte Verschiebung in Raum und Zeit und die letztlich entstandene Bedeutungstiefe – dass sich Gegenwart und Vergangenheit hier auf eigenartige Weise verschränken und dadurch Interpretationen eröffnen – wäre nicht entstanden.

Guerreros heróicos de Ayacucho
Panama City, Panama

Produzieren

Die vielleicht spannendste aber selten erzählte Geschichte von Bildern ist diejenige über ihren Produktionsprozess. Viele Bilder kommen auf eigenartige Weise glatt daher, so als ob es nie eine Situation und darin eingelassene Fotograf*innen brauchen würde, um sie herzustellen. Die Praxis des Fotografierens zeigt jedoch sehr deutlich, manchmal auch auf peinlich berührende Weise, wie sehr ein vermeintlicher Beobachter immer Teil des Geschehens ist.
 
Das Bild links ist im Sommer 2008 vor der Skyline von Panama Stadt entstanden. Eine parkähnliche Terrasse in der Fortsetzung der Altstadt dient Tourist*innen als beliebtes Ausflugsziel. Auf jene hofft auch die Frau im Bild, eine Angehörige der Minderheit der Kuna, um traditionell hergestellte Webe- und Stickkunst zu verkaufen.
 
Im Bild nicht zu sehen ist ein panameñisches Paar rechts der Skyline, das ich bewusst ausgespart habe, um den farblichen Kontrast zwischen Kleidung und Ware einerseits und der grauen Skyline samt Betonbrüstung andererseits hervorzuheben. Diesen habe ich in der Nachbearbeitung des Bildes zusätzlich noch leicht verschärft. Eine alternative Aufnahme aus einem höheren Winkel habe ich verworfen, weil sie den massiven Eindruck der Betonbrüstung unterlaufen hätte.
 

Wundern

Manche Bilder gewinnen erst später an Bedeutung. Im Durchforsten der Archive stößt man hier und da unvermittelt auf Fotografien, die einen unmittelbar ansprechen. Und man wundert sich, warum dieses Bild nicht vorher bearbeitet oder entwickelt wurde.

Dieser Bedeutungsgewinn hängt zum einen mit einer veränderten Gegenwart zusammen, die bessere oder direktere Bezüge zu den Inhalten des Bildes erlaubt. Zum anderen hängt er natürlich auch mit der eigenen Veränderung zusammen: derjenige, der das Bild schießt ist immer ein anderer als diejenige, die es später betrachtet – auch wenn es sich um dieselbe Person handelt.

So gewinnt die 2017 im spanischen León aufgenommene Empfehlung, dass man sich in Anbetracht eines totalen Kontrollverlustes nicht sorgen solle, im Kontext der sich zuspitzenden Klimakrise und der Coronapandemie an zusätzlicher Schlagkraft – auch wenn man dem Rat nicht folgen möchte. Die Aktualität des scheinbar Gestrigen verwundert hier auf ähnliche Weise wie im Marienfelder Beispiel.

León